Hier der Klappentext und die Buchinfos:
Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar, Scheich Haschim und Djamila erfahren von britischen Agenten, dass Dir David Lindsay bei der Suche nach dem Palast des Minos in einer geheimnisvollen Höhle auf Kreta verschollen ist. Die Freunde machen sich mit dem britischen Captain MacLean auf, den Lord zu finden. Dabei entpuppt sich die idyllisch wirkende Mittelmeerinsel als gefährliche Falle. Sie bekommen es nicht nur mit todbringenden Geschöpfen zu tun, sondern auch mit kretischen Rebellen.
Schließlich geraten sie bei ihrer Suche in die Fänge des Kapitän Nemo und werden auf seinem geheimnisvollen U-Boot Nautilus gefangen gehalten. In einem Wettstreit zwischen Technik und Magie entbrennt ein Kampf um Leben und Tod, während dem sich Kara Ben Nemsi zwischen Wissensdurst und Freiheit entscheiden muss
Der Herrscher der Tiefe
Karl May Verlag, März 2019
Taschenbuch, 480 Seiten, 20,00 Euro
ISBN 978-3-7802-2507-8
Halb Deutschland ging für mich auf die Suche nach dem Calypso-Tief.
Manchmal bin ich Monk und starte eine aufwendige Recherche, nur wegen eines Wortes. "Der Herrscher der Tiefe" spielt 1877. Kara Ben Nemsi trifft dort auf Kapitän Nemo und beide unternehmen von der Nautilus aus einen Tauchgang im Mittelmeer. Laut Wikipedia heißt die tiefste Stelle im Mittelmeer Calypso-Tief (über 5000 Meter tief). Aber wurde es 1877 auch schon so genannt? Zwar hatte 1872-1876 das britische Forschungsschiff "Challenger" erstmals systematisch die Meere ausgelotet, aber das war noch sehr primitiv und ungenau.
Ich habe deshalb das GEOMAR in Kiel angeschrieben, und nachgefragt, ob 1877 das Calypso-Tief im Mittelmeer schon so genannt wurde.
Das GEOMAR antwortete, dass die KollegInnen für Meeresbodenvermessung auf See seien und sie sich bei Rückkehr melden würden.
Tatsächlich kam nach einer Woche eine Antwort. Sie sagten, dass viele "Tiefs" schon Namen hatten, bevor man sie genau vermessen konnte. Seefahrern war oft schon in der Antike bekannt, dass bestimmte Stellen im Meer besonders tief (unergründlich) sind. Also konnte der Name Calypso-Tief doch älter sein, als die moderne Meeresbodenvermessung. Vielleicht könne mir das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie da weiterhelfen. Und sie baten darum, ihnen das Ergebnis meiner Recherche mitzuteilen.
Ich schrieb also das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) an. Tatsächlich meldete sich bei mir die Sachgebietsleiterin Kartographische Redaktion aus Rostock. Sie sagte, dass sie wahrscheinlich keine Karten aus dieser Zeit vom Mittelmeer haben, aber sie werde die Anfrage mal mit ihrer Kollegin aus dem Seekartenarchiv besprechen und sich wieder melden.
Tatsächlich hat mir dann die Mitarbeiterin der BSH-Bibliothek Rostock geantwortet und mir sehr ausführlich erklärt, welche Karten sie haben und dass da leider nichts aus der Zeit aus dem Mittelmeer dabei ist. Außerdem stellen Tiefs keine Gefahr für die Schifffahrt dar und wurden früher kaum dokumentiert. Aber sie hat meine Anfrage an ihre BSH-Bibliothek Hamburg weitergeleitet.
Ein paar Tage später kam von der BSH-Bibliothek Hamburg eine Mail. Auch die dortige Mitarbeiter konnte über das Calypso-Tief nichts aus der besagten Zeit finden. Sie hatte aber meine Anfrage an den Deutschen Wetterdienst weitergeleitet, die eine umfangreiche Sammlung von historischen Schiffstagebüchern besitzen. Dort wurde man aber leider auch nicht fündig.
Es gibt tatsächlich Fragen, die weder Wikipedia noch das Internet noch Behörden beantworten können. Unsere Welt hat also reichlich Geheimnisse.
Dem GEOMAR habe ich dann mitgeteilt, dass die Recherche kein Ergebnis brachte. Aber ich durfte ihnen ein Exemplar meines Buches schicken, was es jetzt dort in der Bibliothek gibt. Kann man sogar bei deren Online-Katalog finden.
Das Tief, das Nemo im Buch anspricht, hat also bei mir noch keinen Namen.
Kürzlich habe ich aber herausgefunden, dass das Tief in vielen Karten-Archiven - z.B. im GEBCO - "Vavilov-Tief" genannt wird und 1954 von dem russischen Forschungsschiff "Sergey Vavilov" gefunden wurde. Warum es jetzt Calypso-Tief heißt, weiß ich nicht.
Jenny Florstedt hatte mich gebeten, meinen Lesern etwas aus der Werkstatt unseres „Magischen Orients“ zu verraten; speziell über die Entstehung des Karl-May-Jule-Verne-Crossovers „Der Herrscher der Tiefe“ und meine Mitarbeit an dem Projekt. Das möchte ich gern tun.
Passenderweise bin ich in der Nähe von Hohenstein-Ernstthal – der Geburtsstadt von Karl May – geboren und aufgewachsen. Meine Oma hat sogar nur 200 Meter vom „Selbmann-Haus“ entfernt gelebt … allerdings ca. 65 Jahre später. In meiner Kindheit spielte Karl May trotzdem kaum eine Rolle, da er in der DDR zu der damaligen Zeit verpönt war. Erst als ich mit meiner Familie 1982 nach Nordrhein-Westphalen übersiedelte, begann ich die bekannten grünen Bände zu lesen. Einige stehen noch immer in meinem Bücherregal. Doch ich hatte sie lange Zeit vergessen, bis eines Tages Thomas Le Blanc zu einer Karl-May-Anthologie aufrief.
Ich hatte schon längere Zeit Kurzgeschichten im Rahmen der Phantastischen Miniaturen der Phantastischen Bibliothek Wetzlar veröffentlicht und wollte natürlich auch etwas zu diesem Band beitragen. Die Karl-May-Anthologie „Auf phantastischen Pfaden“ bewirkte dann, dass ich mich wieder intensiv mit dem Schriftsteller aus meiner Heimat befasste. Für meine zwei Kurzgeschichten, in denen Karl May jeweils als Person vorkommt, habe ich Fiktion und reale Historie gemischt – fast schon so, wie er es selbst gern tat. Doch unsere Geschichten führten zudem noch phantastische Elemente ein.
Meine zwei Stories kamen dann beim Herausgeber so gut an, dass er mich fragte, ob ich auch noch ein bisschen mehr für das Projekt „Karl Mays magischer Orient“ schreiben möchte. Da habe ich natürlich zugesagt und war somit in Band 5 mit der Episode „Die Königin von Saba“ vertreten. Als Autor der Fantasy-Reihe fungierte bis dahin nur Alexander Röder. Durch die Mitarbeit an dem Episodenband konnten drei weitere Autoren ausprobieren, ob es ihnen lag, in der Reihe mitzuwirken. Friedhelm Schneidewind und ich hatten uns schließlich entschlossen auch jeder einen Band zu verfassen.
Es gab dazu einen Fundus von kurzen, etwa je eine halbe Seite umfassende, Exposés. Zuerst konnte ich mich mit dem Nemo-Thema nicht richtig anfreunden und hatte mich für eine andere Geschichte entschieden. Doch die Männer des Teams überredeten mich zum Schreiben des Nemo-Bandes, da ich dort auch meinen technischen Background unterbringen konnte, denn ich habe Luft- und Raumfahrttechnik studiert … Raumfahrttechnik – da ist der Gedankensprung nicht weit zu „Reise zum Mond“, also zu Jules Verne. Natürlich bin ich ein großer Fan von Jules Verne. Er war schließlich einer der Begründer der Science Fiction Literatur. Ich kenne die Gängigsten seiner Werke, habe aber als Vorbereitung noch einmal einige quergelesen, besonders „20.000 Meilen unter dem Meer“ und „Reise zum Mittelpunk der Erde“.
Diese beiden Schriftsteller zu kombinieren und im Rahmen des „Magischen Orients“ einige ihrer fiktiven Charaktere aufeinander treffen zu lassen, machte mir schließlich mächtigen Spaß. Zumal wir in unserem Universum Kara Ben Nemsi als (am Anfang mehr und später etwas weniger) magieskeptisch darstellen. Zum Einen ist er bei uns, wie auch bei Karl May, sehr wissenschaftsbegeistert und technikversiert. Zum Anderen hat er in den vorangegangenen Bänden schon einiges an Magie erlebt und kann deren Vorhandensein nicht mehr wirklich leugnen. Trotzdem versucht er stets die Dinge zuerst auf rationale wissenschaftliche Art zu erklären. In Band 5 sagt er zum Schluss meiner Episode zu Halef: „… es mag sein, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht wiegen, messen, erklären können – oder zumindest noch nicht –, und … solange das nicht der Fall ist, magst du es meinetwegen Magie nennen.“ Ich finde, das charakterisiert den Kara Ben Nemsi unseres „Magischen Orients“ sehr gut.
Im Gegensatz zu ihm glauben Halef und sein Freund der Magier Haschim uneingeschränkt an Magie. Kapitän Nemo dagegen glaubt überhaupt nicht daran. Für ihn gibt es nur die Naturwissenschaften und die daraus entwickelten Techniken. Kara Ben Nemsi ist sozusagen das Bindeglied zwischen diesen beiden Welten und fühlt sich dadurch hin und her gerissen. Zudem ist er sehr neugierig und möchte natürlich gern mehr von den vielen technischen Errungenschaften wissen, die Nemo ihm so ganz nebenbei immer wieder präsentiert. Zum Anderen setzt ihn Nemo dadurch unter Druck sich zwischen den phantastischen Techniken und seiner Freunde und der Freiheit entscheiden zu müssen.
Kapitän Nemo ist zwar der Antagonist in dem Band, doch ich sehe ihn nicht als den undifferenzierten Bösewicht. Er ist ein ambivalenter Charakter. Eigentlich möchte er Kara Ben Nemsi gern als Partner oder gar Freund gewinnen, denn er sieht eine verwandte Seele in ihm. Andererseits ist er so von Rachegefühlen zerfressen, dass …
Mmm, ich will jetzt nicht zu viel spoilern. Doch ich möchte noch gern anmerken, dass der Band „Der Herrscher der Tiefe“ sich zwar um Kapitän Nemo gegen Kara Ben Nemsi dreht und – mit einem Augenzwinkern – auch um Karl May gegen Jules Verne, aber der Roman hat noch viel mehr zu bieten. Denn Nemo tritt erst in der zweiten Hälfte der Geschichte auf. In der ersten Hälfte ist es jedoch nicht weniger spannend. Die Autoren des „magischen Orients“ sind sehr auf historische und geografische Genauigkeit bezüglich der Zeit (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts) bemüht. Und dies machte auch die meiste Recherchearbeit aus. Denn auch Karl May – obwohl oft als Lügenbaron abgetan – hat nach den Möglichkeiten seiner Zeit recherchiert, was sich meist in Reiseerzählungen oder Atlanten erschöpfte. Da hatte ich es natürlich mit GoogleEarth, Wikipedia und YouTube viel leichter mir z.B. ein Bild von der Landschaft Kretas zu machen, von geschichtlichen Hintergründen oder neuesten technischen Entwicklungen. Faszinierend fand ich, dass die Wissenschaftler der damaligen Zeit schon einiges „erfunden“ hatten, was heute als neuste Technologie dargestellt wird. Da fällt mir jetzt spontan die Brennstoffzelle ein.
Aber, ich schweife ab. Da hat wohl Kara Ben Nemsi auf mich abgefärbt. Ich wollte den ersten Teil des Buches hervorheben, in dem es Abenteuer auf Kreta im Kontext des politischen Tauziehens zwischen Britischem Empire und Osmanischem Reich für unsere Helden zu bestehen gilt, in dem faszinierende Fabelwesen ihren Auftritt haben und auch hier und da Anspielungen auf andere Werke Jules Verne zu finden sein werden.
Zum Schluss möchte ich noch kurz auf die Frage, die sicherlich einigen auf der Seele brennt, eingehen: „Wie konnte ich mich als Frau in Kara Ben Nemsi versetzen?“
Das ist ganz leicht zu beantworten: So, wie sich jeder Schriftsteller oder jede Schriftstellerin in seine oder ihre Charaktere hineinversetzt. Wenn man schreibt, ist es letztlich egal, ob der Charakter ein anderes Geschlecht hat, als man selbst, oder sogar ein Fabelwesen ist. Sobald ich als Autorin eine Geschichte verfasse, bin ich in den Figuren drin und erlebe alles mit ihnen mit, versuche zu ergründen, wie sich diese Figur in der aktuellen Situation fühlen, was sie sagen oder tun würde, welche Motive sie verfolgt. Dass die Geschichten im „Magischen Orient“ aus der Ich-Perspektive geschrieben sind, hat diesbezüglich keine Auswirkung auf mich gehabt. Das ist nur ein handwerklicher Kniff.
In diesem Sinne wünschen Kara Ben Nemsi und ich viel Vergnügen mit dem magischen Abenteuer „Der Herrscher der Tiefe“.
In der ersten Hälfte des Buches erleben die Freunde phantastische und gefährliche Abenteuer auf der Insel Kreta. In der zweiten Hälfte treffen sie schließlich auf Kapitän Nemo. Als Leseprobe habe ich eine mit „Köstlichkeiten“ beladene Szene am Esstisch der Nautilus herausgesucht. Viel Spaß mit den Leckereien.
Leseprobe: aus
Siebzehntes Kapitel: Im Bauch des stählernen Ungeheuers
…
Als wir auf die Tafel zutraten, erhob sich Nemo. Im Gegensatz zu unseren ersten Begegnungen trug er keinen Admiralsrock, sondern einen traditionellen indischen Sherwani. Dieser war ähnlich einem britischen Gehrock, knielang und vorn bis zur Taille mit edlen Knöpfen verschlossen. Er bestand aus goldenem Brokat mit rotem, verschlungenem Muster auf der Brust und an den Schultern. Ein ebenso rotes, mit Gold durchwirktes Tuch reichte dem Kapitän an beiden Seiten des Halses herunter bis zum Saum seines edlen Gewands. Seinen Kopf zierte ein Turban in den Farben des Tuchs, und ein riesiger roter Edelstein hielt diesen über seiner Stirn zusammen. So war nicht mehr zu übersehen, dass Nemo indischer Herkunft sein musste, vielleicht sogar von aristokratischer Geburt. Und plötzlich überkam mich ein Déjà-vu. Vor wenigen Jahren hatte mir Bradenham bei einem Empfang in der britischen Botschaft in Stambul einen Herrn gezeigt. Es war ein Inder gewesen, ich erinnerte mich genau, bekleidet mit weißem Turban und weißem Sherwani. Als ich diese Begegnung vor meinem inneren Auge abspulte, musste ich durchaus erkennen, dass Nemo eine verblüffende Ähnlichkeit mit diesem mir damals als Prinz Dakkar vorgestellten Herrn hatte. Nur dass sein Bart, falls er tatsächlich dieser Prinz sein sollte, mittlerweile nicht mehr schwarz mit weiß durchsetzt war, sondern silbrig weiß.
„Lieber Kara Ben Nemsi, nehmen Sie bitte auf meinem Ehrensitz für besondere Gäste mir gegenüber Platz.“
Ich war einigermaßen überrascht, bedankte mich höflich und setzte mich wie angewiesen auf die andere Stirnseite des Tischs. Halef begab sich zu meiner Rechten an die lange Seite und Haschim nahm zwischen Halef und Minos Platz. Auf ein unsichtbares Zeichen hin kamen vier von Nemos Männern herein und trugen Speisen auf. Die Teller auf unseren Plätzen wurden mit einer dampfenden Suppe gefüllt. Ich erkannte Muscheln darin und weiße Fleischstücke, die sicher von Fischen stammten, sowie allerlei mir unbekannte Einlagen. Dazu wurden unsere Gläser mit Wein oder nach Wunsch mit fruchtigem Saft gefüllt.
„Liebe Gäste, ich heiße Euch noch einmal herzlich auf meiner Nautilus willkommen. Ich hoffe, Euch schmeckt unser bescheidenes Mahl.“ Dabei lächelte er geheimnisvoll und hielt sein Glas grüßend empor. Ich hielt es für Sarkasmus, denn das bescheidene Mahl türmte sich auf Platten und Tellern, in Schüsseln und Terrinen. Wir erwiderten die Geste und hielten ebenfalls unsere Gläser hoch.
„À votre santé!“, sagte Nemo feierlich.
„Cheers!“, konterte Lindsay.
„Auf Ihr Wohl!“, antwortete ich auf Deutsch.
Nemo nickte wohlwollend. „Alles, was Sie hier zu essen bekommen, stammt aus meinem Reich: der Unterwasserwelt. Nichts davon, was Sie hier sehen, war irgendwann an Land. Als Ausnahme möchte ich lediglich den guten französischen Wein und den Cognac anführen, welche ich leider nicht – oder noch nicht – aus den Früchten der See produzieren kann.“
Ich blickte mich auf dem Tisch um und sah tatsächlich gebratene Fische, garnierte Krakenarme, kleine Oktopusse, verschiedenste Muscheln, Garnelen, Hummer und vieles, was ich noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Vor allem aber sah ich Früchte und Gemüse, die mir doch sehr bekannt vorkamen.
„Sie glauben, Gurken zu erkennen?“, fragte Nemo denn sogleich rhetorisch in die Runde. „Ich muss Sie enttäuschen. Es sind Seegurken. Salatblätter? Nein, falsch. Es ist vorzüglicher Seetang. Und dieser Pudding besteht aus weißem Rogen.“ Er deutete auf eine kunstvoll dekorierte, weiße kuchenähnliche Speise in der Mitte des Tisches. Sie war mit kleinen bunten Perlen verziert, deren Herkunft er im Dunkeln ließ – vielleicht zu Recht. Womöglich wäre diese Information für uns nicht appetitanregend gewesen, befürchtete ich.
Halef schluckte neben mir. „Sihdi, ich frage mich, was ich davon essen kann, ohne Allah zu missfallen“, raunte er mir zu.
„Nun, da er nichts von Wasserschweinen erwähnt hat, ist sicher alles hier als Fisch anzusehen“, flüsterte ich ihm eher scherzhaft zu. „Und Fisch ist eine reine Speise, nicht wahr?“
Halef kicherte. Dies rührte immer noch von dem Mittel her, welches Dr. Stein ihm verabreicht hatte.
Auch ich war mir nicht sicher, ob das alles, was ich hier sah, nach meinem Geschmack war. Doch nahm ich mir vor, von allem beherzt zu probieren, um Nemo keine Gelegenheit zum Spott zu geben. Die Suppe schmeckte auf jeden Fall schon einmal köstlich und nahm mir ein wenig von der Scheu vor den teils unbekannten Speisen. Ich hatte nichts daran auszusetzen. Mir mundete die leicht fruchtige Note wie von Tomate, jedoch unterließ ich es, näher nach den Ingredienzien zu fragen. Im Augenwinkel konnte ich selbst Haschims Unsicherheit bemerken. Doch er kostete von vielen der seltsamen und für uns ungewohnten Speisen. Professor Thadewald schien dies alles zu kennen, denn er aß reichlich, als gebe es kein Morgen mehr. Selbst Lord Lindsay hatte sich wohl schon an die Kost gewöhnt oder zumindest einige Vorlieben entwickelt in seiner Zeit hier an Bord. Kapitän Nemo beobachtete unser Verhalten mit sichtlicher Freude.
„Gibt es auch eine Art Brot, welches man aus den Produkten des Meeres backen kann?“, fragte ich interessiert. Während ich auf eine Antwort wartete, schob ich mir wie selbstverständlich ein Stück Seeschlange in den Mund.
Der Kapitän zog die buschigen Brauen hoch. „Leider haben wir dafür noch keine adäquate Lösung gefunden. Doch wir forschen daran, lieber Kara Ben Nemsi. Deshalb werden Sie vorerst darauf verzichten müssen.“
Nemo erläuterte uns noch einige seiner essbaren Errungenschaften. Zum Beispiel stellte er aus einem besonderen Seegras – Fucus saccharinus – Zucker her, um Speisen zu süßen. Ich probierte daraufhin von seinem Rogen-Pudding, musste mich jedoch äußerst beherrschen, ihn nicht sofort wieder auszuspucken. Es war ein unangenehmer süßlich-fischiger Geschmack, der meiner Zunge nicht behagte. Natürlich war dies dem Kapitän nicht entgangen.
„An einige Geschmacksrichtungen muss man sich erst gewöhnen. Nach ein paar Monaten an Bord werden Sie diesen Pudding zu schätzen wissen, Herr Nemsi. Vertrauen Sie mir.“
Bei seiner Zeitangabe zuckte ich innerlich zusammen. Er meinte es tatsächlich ernst. Nemo würde uns nicht wieder von Bord lassen, außer als Leichen auf dem Meeresgrund. Ich befürchtete, dass wir einem Kampf irgendwann nicht mehr ausweichen konnten. Doch auf wen konnte ich mich stützen? Djamila war außer Gefecht gesetzt. Auch mein treuer Halef war nun keine Hilfe mehr. Seine Angst vor diesem geschlossenen Raum unter der Wasseroberfläche war zwar für einen Beduinen nicht verwunderlich, doch hemmte sie ihn am logischen Denken. Ich konnte nur hoffen, dass er diese Panik im Laufe der Zeit in der Nautilus unter Kontrolle bekam. Es blieben nun also nur noch Lindsay und Haschim. Diesen Minos konnte ich nicht einplanen, da er mir ein Fremder war. Und selbst meinen Gegner einzuschätzen, war momentan nicht möglich. Ich wusste weder über die Stärke der Besatzung der Nautilus Bescheid, noch über die Art ihrer Bewaffnung. Also mussten wir zunächst ausharren und die Augen offen halten. …
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